Pfarrer


Das Jahr der Überraschungen 

Es war das erste Mal, dass wir für mehr als ein Dreivierteljahr die Aufgabe einer Urlauber- bzw. Kurseelsorge im Ausland angenommen haben. Unsere vorgehenden Aufenthalte im Ausland im Auftrag der EKD waren kürzer gewesen.

Zehn Monate Haus und Hof, Bekannte, Nachbarn, Tennisfreunde und viele mehr zu verlassen, ist nicht einfach, weder für uns noch für die anderen. Unsre Nachbarin sagte, als sie von unserem Vorhaben erfuhr: „Was kann ich tun, das ihr bleibt und nicht ins Ausland fahrt?“.

Jetzt stehen wir kurz davor, unseren „Heimaturlaub“ anzutreten. Ein Stück Fremdheit ist zwischen der Heimat zuhause in Deutschland und der neuen Heimat in Ungarn getreten. Also Zeit, um die Geschehnisse vom Anfang bis jetzt Revue passieren zu lassen.

Ein mehrstündiges von Seiten der EKD hochbesetztes Briefing ging unserer Reise voraus. Damals wurden Perspektiven für die Gemeinde in Hévíz aufgezeigt, aber auch die Defizite wurden klar benannt. Zu den Nachteilen u. a. gehört die Überalterung der Gemeinde, so manche festgefahrene Struktur und die Frage, inwieweit Veränderungen hin zu einer Tourismusgemeinde mitgetragen werden. Also nicht leichtes Gepäck, wie Silbermond singt, sondern, so empfanden wir das, schweren Gepäck, das uns in den Rucksack gepackt wurde. Perspektivisch wurde uns allerding von der EKD zugesichert, sollte sich die Gemeinde in die richtige Richtung entwickeln, wäre eine „drei jährige Projektpfarrerstelle“ denkbar. Soll heißen, es würde nicht jedes Jahr ein neuer Ruheständler geschickt, sondern ein jüngerer Pfarrer würde entsendet werden mit einem Deputat von 100%.

In dieser Weise ausgestattet und mit vielen Informationen versehen, starteten wir im März 2017 durch, Richtung Ungarn, wo wir körperlich wohlbehalten ankamen. Bis wir psychisch und seelisch in Hévíz landeten, sollte es noch eine Weile dauern.

Neugieriges Interesse schlug uns bei unserem Ankommen und den ersten Aktivitäten entgegen. Spannend war das starke Interesse der Touristen. Die, die jedes Jahr wiederkommen, wollten wissen, woher nun dieses Pfarrerruhestandsehepaar stammt und wie die wohl sind und ob und was sie anders machen werden? Kirchlich interessierte Reisende, die es in die Gottesdienste verschlug und die zum ersten Mal in Hévíz waren, fanden es bereichert, hier einen deutschen Gottesdienst erleben zu dürfen und interessierten sich auch dafür, wie unser Einsatz von der EKD organsiert war. Sie formulierten, dass sie dankbar seien dafür, dass es die Möglichkeit zu einem Gottesdienstbesuch in deutscher Sprache gäbe.

Von den sogenannten Semiresidenten, die circa ein halbes Jahr in Ungarn und das andere in Deutschland verbringen, fiel die vermehrte Aufmerksamkeit für die Personen auf. Die unterschiedlichen Charaktere und Persönlichkeiten der Pfarrer und deren Partner hatte es ihnen angetan, und es wurde sogar eine Serie Pastores geführt. Das kirchliche Leben in der Gemeinde war zweitrangig, sie bezeichneten sich als sporadische Kirchgänger. Wir kommen uns so ein bisschen, wie ein Schmuckblatt vor – muss nicht schlecht sein! Auf die Frage, was ihnen fehlen würde, wenn der deutsche Gottesdienst in Hévíz entfallen würde, war die Antwort, dass es dann ja noch den Fernsehgottesdienst gäbe.

So ganz anders die Meinung vieler Kurgäste und Touristen, wie oben berichtet, sie ließen verlauten, dass sie dankbar seien über dieses Angebot.

Bei Touristen und Residenten steht das Thema Gemeinschaft im Vordergrund, dies ließ sich leicht daran erkennen, dass das Angebot des Kirchencafés im Anschluss an den Gottesdienst immer stärker angenommen wurde. Verständlich wird dieses Verhalten vor allem dadurch, dass einige über eine Stunde mit dem Auto fahren müssen, um zum Gottesdienst nach Hévíz zu kommen. Uns hat das veranlasst, nun einmal im Monat eine gemeinsame Mahlzeit anzubieten, was sehr gut angenommen wird, auch in der Zeit, als es im Essenszelt schon etwas kühler geworden war.

Da gibt es Menschen, die seit Jahrzehnten Urlaub in ihrem Ferienhaus in der Nähe von Hévíz machen und nun ganz übersiedeln und die Zeit finden, das Sommerfest oder das Reformationsfest zu besuchen, was ihnen „niederschwellig“ die Möglichkeit gibt, Kontakt aufzunehmen. Als ich diese Interessierten entdeckte und sie freundlich begrüße zu unseren Feierlichkeiten, antworteten mehrere mit dem Satz: „Ich bin der Neue, wie sind die Neuen“. Das verstehe ich so, dass sie nun bei uns, im kirchlichen Kontext, die Neuen sind, obwohl sie im Bereich von Hévíz schon lange die Alten sind. „Wir sind die Neuen“, hat für mich Bekenntnischarakter bekommen.

Überrascht hat uns, wer von denen, die immer wieder in der Nähe von Hévíz kuren, urlauben oder wohnen, sich dem kirchlichen Leben anschließt, aber hier im Ausland bietet die Kirche eine der wenigen Vernetzungsmöglichkeiten und die werden gerne angenommen.

Spannend ist es zu hören, von Touristen, dass sie zuhause nicht in die Kirche gehen, obwohl die Möglichkeit des Besuchs gegeben ist, da das Kirchengebäude in unmittelbarer Nähe ihres Zuhauses liegt. Sie betonen, dass sie sehr gläubig sind, dies aber nicht dadurch zeigen müssen, dass sie sonntags in ihrer Dorfkirche erscheinen. D. h. für sie ist der Gottesdienst im Ausland, die Möglichkeit christliche Gemeinschaft zu erfahren, die sich nicht präsentieren muss.

Überraschend war wie sich nach einem etwas holprigen Anfang, der sich in den dem Satz: „müssen wir uns schon wieder an einen neuen Pfarrer gewöhnen“ zusammenfassen lässt, vieles zu unserer Freude zum Positiven entwickelte. Uwe und ich fungierten als Zugmaschine, aber etwas, was nicht gezogen werden will, kann man nicht ziehen und nach dem ersten Ruck auf den Gleisen, fuhr unsre Eisenbahn von alleine und erhielt immer mehr Wagons.

Das betrifft das kreative Aufbruchsklima im Rahmen der Gemeinde, die sich zahlreich am Gemeindeentwicklungsworkshop beteiligt hat, aber auch das Zugehörigkeitsgefühl, das einige Kurgäste und Touristen entwickelt haben. So spendeten uns von diese, ein Ehepaar, das Geld für die Anschaffung einer großen Kaffeemaschine. Das war Überraschung pur, sie sind in ihrer Heimatgemeinde eingebunden und aktiv, aber zu diesem Reformationsfest, wollten sie uns unterstützen. Ein anderes Touri-Paar schenkte der Gemeinde eine Luthergedenkmünze. Sie hatten sich vor dem Urlaub schon auf das kirchliche Angebot, das sie über den Webauftritt beobachten, besonders die Feier des Reformationstages gefreut. Na, wenn das nicht toll ist!!

Viele Menschen in Deutschland leben mit unserer Gemeinde mit. Sie studieren unseren Gemeindebrief und schreiben Gedichte, kleine Beiträge, die sie uns zu Veröffentlichung anbieten. Ein interaktives Miteinander über Landesgrenzen hinweg.

Eine weitere Überraschung war, dass die Segnungsangebote schon im ersten Jahr so viel Zuspruch erhielten. Unser Angebot: Man soll die Feste feiern, wie sie fallen...

Sie haben einen Festtag, einen Geburtstag oder ähnliches zu begehen, und wollen dafür einen angemessenen und  feierlichen Rahmen, dann gestalten wir das gerne für Sie.

Sie sind 1, 2 oder 6 1/2 Jahre verheiratet und haben Freude ein kleines Fest zu feiern, dann sind Sie bei uns und in unserer Kirche richtig. Oder vielleicht: 10 Jahre, 20 Jahre – so Manches haben Sie als Ehepaar oder in einer Lebenspartnerschaft miteinander erlebt und geteilt, da war Erfreuliches und Trauriges dabei.

Zwei Menschen haben „Ja" zueinander gesagt – und dieses „Ja" gilt bis heute, das ist ein Grund zu feiern, „Danke" zu sagen für die vergangene Zeit und Gott um seinen Segen zu bitten für all die Zeiten, die kommen werden. Wir freuen uns, diesen Tag festlich mit Ihnen zu gestalten.“

Wir haben sechs Mal Paaren den Segen mit auf den Weg geben dürfen, zum 10,11,15 25, 34, 47 Jubiläum.

Wir sind gerührt, berührt, wie unser Engagement angenommen und aufgenommen worden ist und wie es sich vermehrt. In großer Dankbarkeit beschließen wir nun mit den letzten anstehenden Gottesdiensten unseren Dienst für dieses Jahr.

Und hoffen weiter auf die kleinen und großen Wunder, z.B. ein gut gefülltes Gotteshaus an Heilig Abend. Was in den Heimatkirchen selbstverständlich ist, ist hier in der Kurkirche nicht so. Weihnachten feiern viele Residenten in Deutschland und über Heilig Abend wird keine Kur gemacht. Wie haben aber erfahren, dass die Hotel spezielle Weihnachtsprogramm in diesem Jahr auflegen und das Busreisen über diese Zeit von Deutschland nach Héviz angeboten werden. Also, schau`n wir mal!

Es wünschen Ihnen gesegnete Weihnachten und ein frohes 2018

Ihre

Heiderose Gärtner-Schultz und Uwe Schultz


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